Ich möchte heute ein Märchen mit euch teilen, dass ich meiner Urgroßmutter zum Geburtstag geschrieben habe. Vielleicht nicht ideal für Kleinkinder, aber meine Urgroßmutter war begeistert. Wenn mich die Muse erneut küsst, werde ich hoffentlich auch ein paar Geschichten für Kleinkinder schreiben und mit euch teilen.

Samuel der Ritter

Es war einmal ein kleiner Junge namens Samuel. Er träumte davon einmal ein großer und berühmter Ritter zu werden. Seine Familie konnte es sich jedoch nicht leisten ihm die Ritterschule zu bezahlen. Also machte er sich kurzerhand auf den Weg um einen Drachen zu erlegen. Immerhin musste man als echter Ritter auch einen Drachen erlegen! Er schnappte sich einen alten Schild, ein rostiges Schwert, ein wenig Proviant und ging in die Berge. Unterwegs kam er an einem See vorbei. Da es schon bald Nacht werden würde, beschloss der kleine Junge eine Rast einzulegen. Er machte ein Lagerfeuer, legte sich davor und schlief ein.

Gegen Mitternacht wachte Samuel auf – da sang jemand. Er sah sich um und entdeckte eine Frau auf einem Stein im Wasser. Samuel nahm all seinen Mut zusammen und ging näher heran. „Hallo! Wieso singst du denn so traurig?“ Die Frau sah ihn an. „Weißt du, ich warte schon so lange auf meinen Mann. Er hat sich auf den Weg gemacht den Drachen zu töten, aber er kam nie zurück.“ Der Junge hatte Mitleid mit ihr.

„Auch ich habe mich auf den Weg gemacht um den Drachen zu töten. Ich verspreche dir, dass ich es schaffen und zurück kommen werde.“ Die Frau lächelte ihn an. „Danke, das ist sehr lieb von dir. Komm, ich gebe dir eine anständige Rüstung, so kannst du nicht in den Kampf ziehen.“ Die Rüstung glänzte silbern. Sie gab ihm noch etwas Proviant mit. Samuel legte die Rüstung an und machte sich auf den Weg. Nach einer langen Reise kam er zu einem Wald. Als er eine Lichtung fand, machte er ein Lagerfeuer und legte sich schlafen.

Wie in der Nacht zuvor wachte er um Mitternacht auf. Dieses Mal jedoch nicht auf Grund einer singenden Frau, sondern weil es immer heller wurde. Im ersten Moment dachte der Junge, dass das Feuer vielleicht größer geworden war, doch mitten auf der Lichtung stand ein Mädchen. Das Licht ging von diesem Mädchen aus – sie strahlte förmlich. „Hallo! Bist du eine Fee?“ fragte Samuel neugierig. „Nein, ich bin ein ganz normales Mädchen. Vor Jahren habe ich einen Pilz in der Nähe der Drachenhöhle gegessen und seither leuchte ich jede Nacht. Es tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe.“ Der Junge bekam Mitleid mit dem armen Mädchen.

„Ich bin gerade auf dem Weg zur Drachenhöhle. Gibt es denn kein Heilmittel?“ Sie sah ihn erstaunt an. „Was willst du denn bei der Drachenhöhle? Doch, wenn ich das Wasser aus der Quelle trinken würde an der der Pilz wächst, dann würde ich nicht mehr leuchten. Leider ist die Quelle tief in der Höhle des Drachen verborgen und ich traue mich nicht mehr hinein.“ Das Mädchen begann zu weinen. „Gut, ich werde dir das Wasser der Quelle besorgen.“ „Ich danke dir! Du bist so mutig. Komm, ich gebe dir ein Schwert, dass ich auf meiner Wanderung durch den Wald gefunden habe.“ Das Schwert war scharf und glänzte, wenn das Licht des Mädchens auf es traf. Der Junge nahm es an und ging weiter. Endlich kam er am Fuß des Berges an. Er beschloss sich hinzulegen bevor er am nächsten Tag den Drachen besiegte.

Auch in dieser Nacht wurde er um Mitternacht geweckt. Er hörte einen Mann um Hilfe rufen. Neugierig ging er in die Höhle aus der die Hilferufe kamen. Dort saß ein Mann, der an die Felswand angekettet war. „Hallo! Wieso bist du hier angekettet?“ Vorsichtig kam Samuel näher. „Vor Jahren verließ ich meine Frau um den Drachen zu besiegen. Ich habe es nicht geschafft und darum hat der Drache mich hier angekettet. Bitte hilf mir! Ich würde so gerne zu meiner Frau zurück kehren.“ Der Junge sah sich um, aber er konnte den Schlüssel nicht finden.

„Wo ist der Schlüssel für deine Ketten?“ Da begann der Mann zu zittern. „Der Drache hat ihn um seinen Hals hängen. Um mich zu retten muss er erst besiegt werden. Hier hast du mein Schild. Bitte hilf mir!“ Der Junge nahm den Schild und wollte sich gerade auf den Weg weiter in die Höhle machen. „Stopp! Warte! Du kannst nicht gegen den Drachen gewinnen, wenn du seine Schwachstelle nicht kennst. Der Drache ist alt und sieht sehr schlecht. Greife ihn an, wenn morgens die Sonne aufgeht. Deine Rüstung ist so glänzend, dass sie ihn blenden wird. Dann kannst du ihn mit deinem Schwert niederstrecken.“

Also wartete der Junge bis er die ersten Vögel zwitschern hörte. Er machte sich auf den Weg zum Drachen. Gerade als die Sonne aufging, betrat er seine Höhle. Wie der Mann vorhergesagt hatte, war die Rüstung so glänzend, dass der Drache seine Augen schließen musste. Sofort war der Junge beim Drachen und erlegte ihn mit einem Schwerthieb. Er schnappte sich den Schlüssel, der um den Hals des Drachen hing und befreite den Mann. „Danke! Danke vielmals! Endlich kann ich meine Frau wieder sehen. Komm, lass uns gehen.“

Da fiel dem Jungen das leuchtende Mädchen auf der Lichtung wieder ein. „Warte, ich muss schnell Wasser aus der Quelle holen!“ Der Junge nahm sich einen Pokal aus dem Schatz des Drachen und ging damit zur Quelle. Als der Pokal bis oben hin voll war, gingen sie gemeinsam in den Wald um das Mädchen zu suchen. Um Mitternacht stand das Mädchen wieder an der Lichtung. Samuel gab ihr den Pokal und sie trank ihn aus. Mit jedem Schluck ließ das Leuchten nach. Überglücklich fiel sie dem Jungen in die Arme. „Ich danke dir! Komm mit mir und hole dir deine Belohnung ab!“ Samuel lehnte dankend ab. „Ich will keine Belohnung, ich will ein Ritter sein!“ Das Mädchen lächelte. „Darf ich euch ein Stück begleiten?“ Mann und Junge nickten. „Heute werden wir erst rasten, doch morgen gehen wir weiter.“ Das Mädchen war einverstanden.

Am nächsten Tag gingen sie zu dem See. Erstaunt blickte der Mann ihn an. „Woher weißt du, wo meine Frau lebt?“ Samuel lächelte erfreut. „In meiner ersten Nacht legte ich mich hier schlafen. Eine Frau saß auf einem Stein und sang ein trauriges Lied. Sie erzählte mir, ihr Mann wäre losgezogen um den Drachen zu töten. Sie gab mir eine Rüstung und Proviant mit und ich versprach ihr, dass ich den Drachen besiegen und zu ihr zurück kommen würde.“ In diesem Moment trat die Frau an den See. Als sie den Mann erblickte, begann sie zu weinen und fiel überglücklich in seine Arme. „Ich danke dir! Was möchtest du als Belohnung? Gold oder Ruhm?“

Der Junge verneinte und sagte erneut. „Ich will weder Gold noch Ruhm. Ich möchte ein Ritter sein!“ Der Mann nahm seine Frau in den Arm und sagte zu ihr. „Ich gehe in die Hauptstadt um den Wunsch des Jungen zu erfüllen. Ich werde zu dir zurück kommen, sobald er ein Ritter ist. Versprochen.“ Die Frau nickte und gemeinsam gingen die drei Weggefährten weiter. In der Hauptstadt angekommen ging Samuel zuerst zu seiner Familie. Diese war überglücklich, dass der Junge heil zurückgekehrt war. Die beiden Weggefährten gingen ihrer Wege, wollten aber am nächsten Tag zurück kommen. In dieser Nacht schlief der Junge tief und fest. Nichts und niemand weckte ihn auf.

Tags darauf klopfte es an die Tür. Eine Kutsche war gekommen um Samuel zum Schloss zu bringen. Er stieg ein und seine Aufregung wurde immer größer. Der Mann, den er gerettet hatte wartete vor dem Schloss auf ihn. „Komm, du wirst zum Ritter ernannt.“ Gemeinsam gingen sie in den Thronsaal. Dort saß das Mädchen, dass der Junge gerettet hatte und lächelte ihn an. Sie trug ein wunderschönes Kleid und eine Krone. Der Junge verbeugte sich eilig und sah das Mädchen dann verdutzt an. „Ja, ich bin die Prinzessin die vor Jahren verschwunden ist. Du hast mich gerettet und zum Dank wirst du nun in den Ritterstand erhoben.“ Sie schlug ihn zum Ritter und flüsterte ihm dann ins Ohr. „Mein Vater möchte mit dir reden.“

Als die Zeremonie vorbei war, folgte er der Prinzessin in den Schlossgarten. Dort saß der König auf einer Bank. „Ah! Da ist unser neuester Ritter und Held!“ Samuel verbeugte sich. „Ich möchte, dass du meine Tochter zur Frau nimmst. Jemand der so tapfer, edel, hilfsbereit und mutig ist sollte in Zukunft unser Land führen. Es wäre mir eine Ehre, wenn du meine Tochter heiraten würdest.“ Der Junge war perplex. Aus seinem Plan ein Ritter zu werden wurde nun die Möglichkeit König zu werden. „Ich bin nur ein einfacher Junge, der auszog um ein Ritter zu werden. Es wäre mir eine Ehre Eure Tochter zur Frau zu nehmen, doch bin ich nicht sicher, ob ich ein guter König wäre.“ Der König lachte. „Durch deinen Mut und deine Bescheidenheit hast du doch bereits alle Voraussetzungen dafür erfüllt. Lass uns eine Hochzeit planen!“

So kam es, dass der kleine Junge nicht nur einen Drachen tötete und Ritter wurde, sondern auch die Prinzessin heiratete und König wurde. Er war ein weiser und gerechter König, der stets das Wohl seiner Untertanen im Blick hatte. Seine Frau gebar ihm 3 wundervolle Kinder – einen Sohn und zwei Töchter. Unter seiner Herrschaft blühte das Land auf.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.