Der Einfachheit halber schreibe ich nicht „die Mutter, der Vater oder eine andere Bezugsperson“ sondern nur „die Mutter“ oder „die Bezugsperson“. Natürlich ist damit jede (!) Bezugsperson gemeint.

Ich lese gerade ein Buch zum Thema Grenzen setzen. Dieses Buch ist aus christlicher Sicht geschrieben und verweist regelmäßig auf die Bibel. Auch wenn ich mich eigentlich nicht als christlich in dem Sinne sehe und auch noch nie die Bibel gelesen habe, hatte ich in diesem Buch bereits nach 75 Seiten so viele Aha-Momente, dass ich ein paar davon zusammenfassen muss!

Grund für diesen Post ist Kapitel 4 dieses Buches. Ich habe meine Erziehungs-Standards darin großteils wiedergefunden, genauso wie meine Sicht auf die Autonomiephase. Es geht darum wie Grenzen entwickelt werden. Wie wir alle wissen, trägt die Erziehung und die Familie einen riesigen Teil dazu bei, wie gut oder schlecht wir Grenzen setzen können und wie wir mit ihnen umgehen. Das beginnt schon in den ersten Lebensmonaten – bei der Bindung!

Bindung

Ein Kind, das von der Mutter geliebt wird, dessen Bedürfnisse erfüllt werden und sich sicher fühlt hat schon einen riesen Vorteil. Denn eine sichere Bindung hilft dabei Grenzen zu setzen. Wie das geht? Wir alle brauchen Beziehungen. Nur wenn wir wissen, dass wir sicher sind, können wir Nein sagen. Eigentlich logisch, nicht wahr?

In den ersten Monaten ist das Baby davon abhängig, dass eine Bezugsperson sich um all ihre Bedürfnisse kümmert. Denn es ist noch nicht dazu in der Lage, diese selbst zu erfüllen. Die Mutter gibt dem Kind also Liebe und das Kind baut Sicherheit in Form einer sicheren Bindung auf. So weit so gut.

Entdeckerdrang

Doch nach einiger Zeit entwickelt sich der Entdeckerdrang des Kindes schnell merkbar weiter. Weg von der Mutter und hin zu neuen Erfahrungen. Das Kind widmet sich plötzlich nicht nur der Bezugsperson sondern lässt die Mutter immer öfter links liegen um sich neuem Spielzeug oder anderen spannenden Dingen zu widmen. In dieser Phase kommt das Kind noch oft zurück, denn die ganzen Eindrücke müssen immerhin verarbeitet werden. Also ab in den sicheren Hafen namens Mutter!

Die nächste Phase ist nun – das Laufen. Ab sofort kann das Kind nun seine Umgebung alleine entdecken – Wow was für ein Fortschritt! Das Kind ist stolz auf sich selbst und die Bezugspersonen sollten sich mit dem Kind freuen. Immerhin ist das ein riesiger Entwicklungsschritt in seinem Leben! Natürlich sollten wir als Eltern dem Kind in dieser Phase Grenzen setzen. Im Sinne von Schutz, nicht als Begrenzung der eigenen Möglichkeiten! Immerhin sollen wir den Kindern nicht den Eifer und Stolz nehmen.

Autonomiephase

Gehen wir nun zum Hauptthema dieses Posts. Der Autonomiephase – jene Phase die so vielen Eltern die Nerven raubt. Dabei hat auch diese Phase etwas wunderschönes – trotz all der Anstrengung. Das Kind lernt jetzt ganz eindeutig Nein zu sagen. Es weiß, dass es eine eigenständige Person ist.

Der Zorn, wenn das Kind an die Grenzen anderer kommt ist nicht nur gerechtfertigt sondern auch wichtig. Er zeigt ganz eindeutig – hier bin ich und hier ist der andere. Kinder lernen zwischen „ich“ und „du“ zu unterscheiden, zwischen „meins“ und „deins“. Jetzt beginnen die ersten Konflikte in Bezug auf Spielzeug. Das Kind will nicht mehr teilen, denn es weiß nun, dass es ein Eigentum hat und es auch schützen kann, darf und soll. Durch diese Unterscheidung entwickeln die Kinder auch ein Verantwortungsgefühl für ihre eigenen Besitztümer.

Das kindliche Nein ist die erste verbale (!) Grenze, die das Kind zieht. Anfangs wird das Nein übermäßig verwendet um zu sehen was es mit anderen macht. Wenn das Kind nein sagt, reagiert das Umfeld anders als sonst. Wird das Nein ernst genommen, dann lernt das Kind, dass es ein Recht hat über sich selbst zu bestimmen. Es kann Entscheidungen treffen und ist nicht vollkommen ausgeliefert.

Das bedeutet nicht, dass jedes Nein gerechtfertigt ist und manchmal muss ein Nein vielleicht immer wieder hinterfragt werden, doch ein Nein ist und bleibt zu akzeptieren. Das Kind lernt dadurch, nicht nur, dass es ein Recht auf Unversehrtheit und Respekt hat, sondern auch mit den Konsequenzen zu leben die ein Nein mit sich bringt. Was meine ich mit hinterfragen? Sagt das Kind „ich will keine Windel“, dann heißt das nicht „niemals“ sondern „jetzt gerade“. Das bedeutet im Umkehrschluss – ich frage immer und immer wieder nach, bis das nein zu einem ja wird! Nicht um zu überzeugen oder zu manipulieren, sondern weil es wichtig ist! Geht es um ein Eis, werde ich kaum 100 mal nachfragen 😉

Die Tücken der Autonomiephase

Die Autonomiephase verlangt Eltern so viel ab. Nicht nur, dass viele den Verlust der Nähe bedauern, man stößt effektiv an Grenzen die zuvor nicht da waren. Das bedeutet das Gegenüber neu kennen zu lernen, obwohl man doch schon so viel Zeit miteinander verbracht hat. Jeden Tag lernt man etwas Neues und oft wechselt ein nein innerhalb weniger Minuten zu einem ja und umgekehrt. Das ist manchmal sehr kraftraubend und nervenaufreibend. Doch wenn wir uns vor Augen halten wie kurz diese Phase im Vergleich ist und wie ungeheuer wichtig sie trotz allem ist, fällt es oft leichter damit umzugehen.

Das kindliche nein ist kein nein zu der Person die es erhält. Es ist ein Nein zu einer bestimmten Sache und oft nur in diesem Moment. Wir müssen lernen damit umzugehen, damit das Kind weiß – es ist genauso wichtig ja zu sagen wie nein. Egal ob ich zustimme oder verneine, ich werde geliebt und meine Bezugsperson ist für mich da. Die Erwachsenen dürfen nicht an den Grenzen der Kinder verzweifeln. Wir sollten unsere Einstellung zur Autonomiephase überdenken und uns über ein nein freuen. Denn jedes Nein zu uns/einer Situation/einer Tätigkeit/einem Essen/etc. ist ein Ja zum Kind. Jedes Ja zum Kind stärkt sein Selbstbewusstsein und sorgt dafür, dass es auch in Zukunft als Erwachsener klar weiß was es will, was es braucht und wie es eine Grenze ziehen kann!

Das Buch: Cloud, Henry & Townsend, John. 2017. Nein sagen ohne Schuldgefühle – Gesunde Grenzen setzen. 2.Auflage. Holzgerlingen: SCM Hänssler

Inhaltlich ist der Post entstanden um das Thema Selbstliebe etwas näher zu beleuchten. Ich möchte in Zukunft mehrere Posts rund um diese Themen veröffentlichen, weil ich aus eigener Erfahrung weiß wie schwammig und undurchsichtig die Themen Grenzen, Selbstliebe und Verantwortung sein können

Übrigens habt ihr hier einen großartigen Beitrag von Ruth zum Thema Angst und Autonomie!

Edit – Nein, ich finde nicht alles aus dem Buch großartig und würde es genauso umsetzen. Vor allem nicht in Bezug auf Kindererziehung. Ich denke nicht, dass der Weg zu sich selbst aus Kontrolle durch andere besteht. Außerdem denke ich nicht, dass man sein Kind bestrafen oder belohnen muss. Selbstverständlich widerspreche ich vehement der Züchtigung eines Kindes. Das sind jetzt nur einige Beispiele. Ich denke also nicht, dass das Buch von vorne bis hinten eine „Erleuchtung“ ist, sondern ich empfinde den Grundtenor des Buches sowie die allgemeinen Erklärungen in sehr vielen Fällen als ungeheuer wichtig um das Thema besser zu beleuchten.