In meinem letzten Beitrag hatte ich ja geschrieben, dass wir endlich wieder lernen müssen zu fühlen. Wir haben so viel zu tun und bewegen uns ständig durch die Welt ohne wirklich hinzuschauen und hinzufühlen. Denn wir sind im Außen. Bei Terminen, der Familie, dem Abendessen und sogar in der Zukunft oder Vergangenheit. Doch es ist so wichtig im Hier und Jetzt zu sein. Einfach in unseren Körper zu fühlen. Zu spüren – was geht gerade in mir vor? Was brauche ich? Ist alles in Ordnung?

Wie man wieder lernt zu fühlen

Ja, ganz viele werden jetzt sagen „das weiß ich doch schon, ich fühle ja!“ Doch ich rede hier nicht von „ich fühle mich verspannt“ oder „ich bin hungrig“ und auch nicht von „ich bin genervt“. Das ist nicht das was ich meine. Ich spreche vom richtigen Fühlen. Davon die Emotionen zuzulassen die hinter diesen Ausdrücken stehen. Viele Menschen spüren Wut in sich brodeln – das ist gut, denn das ist ein Anfang. Doch man muss nochmal hinsehen – was ist es wirklich? Ist es Wut oder steckt dahinter vielleicht Trauer oder Verzweiflung? Ist die Wut vielleicht ein Schutzmechanismus und in diesem Fall gar kein Gefühl? Ihr seht – es gibt so vieles, was man wieder lernen muss zu unterscheiden. Selbst bei dem Satz „ich bin hungrig“ – ist es wirklich Hunger oder Langeweile oder sogar Frust, Trauer, Wut? Hast du Hunger, weil dein Körper Nahrung braucht oder ist es eine Strategie um etwas zu kompensieren oder zu bewältigen?

Wir lernen in unserem Leben so ungeheuer viel, doch wir verlernen dabei das Wichtigste – auf uns zu achten. Wir sehen es als normal an, dass wir abends nach einem langen Arbeitstag erst einmal den kompletten Haushalt machen und dann erschöpft ins Bett fallen ohne uns kurz Zeit zu nehmen und zu sagen „wow, das war ein harter Tag, ich denke ich brauche jetzt etwas Entspannung.“ Das bringt uns auch niemand bei. Das entspricht nämlich meist nicht den Werten, die die Gesellschaft so vorgibt. Wer sind wir denn, dass wir uns entspannen dürfen? Wir haben soooo viel zu tun und das schaffen wir nie, also mach gefälligst Abstriche bei dir und deiner Gesundheit, damit alles erledigt wird! Schwachsinn! Wir betreiben Raubbau an uns selbst und denken auch noch, dass das gut ist!

Komm in deinen Körper – ins Jetzt

Doch wie können wir das wirklich lernen zu unterscheiden? Eigentlich ganz einfach und doch schwer. Viele haben verlernt geduldig zu sein und dieser Prozess dauert bei manchen ein wenig. Vor allem bei denen, die wirklich unbedingt wieder in ihrem Körper ankommen müssten. Also, das Wundermittel heißt im Jetzt leben, atmen und immer mal wieder innehalten. Keine Sorge, wenn ihr jetzt die Augen verdreht habt – mir ging es ganz genauso. Ich habe diesen Tipp so oft gelesen und gedacht „ernsthaft? DAS soll helfen?“ Ja! Ich verspreche er hilft, wenn (!) man ihn richtig anwendet.

Okay, wir alle können atmen, doch auch da kann man auf verschiedene Arten atmen. Wenn man gestresst ist, wird der Atem flach, genauso wenn man Angst hat. Ist man gelöst und fröhlich, fließt der Atem frei und man atmet automatisch tiefer. Wenn wir uns jedoch entspannen wollen – und jetzt bitte genau aufpassen – dann sollten wir wirklich bewusst tief atmen. Das ist anfangs sehr seltsam und ich dachte anfangs, dass ich nicht genug Luft bekomme. Ich wurde nervös und es hat nicht geklappt. Nach 3 Versuchen gab ich entnervt auf und war überzeugt, dass tiefes Atmen einfach nicht mein Ding ist. Nach ein paar Jahren habe ich es erneut versucht und siehe da – es hat geklappt. Ihr sollt jetzt nicht Jahre verstreichen lassen damit es klappt. Einfach dran bleiben und üben.

Atemübung

Die Übung ist ganz einfach – tief durch die Nase einatmen. Spüre, wie sich deine Bauchdecke und dein Brustraum heben und dann ein wenig länger durch den Mund wieder ausatmen. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, lege deine Hände einfach auf deinen Bauch. Wenn du das ein paar Atemzüge lang machst, wirst du schon merken, wie du ruhiger wirst und dich ein wenig mehr entspannst. Wenn du ein Gefühl für deine Atmung hast, kannst du die Arme seitlich neben deinem Körper lassen und vor der Übung mal bewusst in deinen Körper hineinfühlen. Wie fühlt er sich an? Verspannt? Verkrampft? Wo genau fühlst du das? Danach einfach tief atmen und weiter beobachten. Verändert sich etwas? Lösen sich die Verspannungen auf? Wie fühlt es sich jetzt an?

Diese kleine Übung von nicht einmal 5 Minuten hilft dir dabei, dich wieder zu fühlen. Ein Gefühl für deinen Körper zu bekommen. Du musst dafür nichts besonderes können. Jeder kann diese Übung machen. Das Schöne ist – trotz der kurzen Zeit, die investiert wird, ist der Effekt spürbar!

Innehalten

Für diesen Punkt würde ich wirklich empfehlen eine Zeit lang die Atemübung zu machen. In unserem Alltag muss es oft schnell gehen und wir haben wenig Zeit. Der Gedanke dabei innezuhalten löst bei vielen sofort eine Abwehrreaktion aus. Das geht doch nicht, ich habe so viel zu tun, was würden denn die Leute denken, dann komme ich nicht mehr hinterher, etc. Innehalten bedeutet jedoch nicht aufzuhören und alles fallen zu lassen. Es geht darum innerlich innezuhalten. Zu schauen – wie geht es mir gerade? Brauche ich etwas?

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber wenn ich im Stress bin, dann vergesse ich zu essen. Bin ich aber hungrig, dann bin ich gereizt, müde und nicht konzentriert. Das bedeutet zusätzlich zum Stress den ich mir mache, mache ich meinem Körper Stress indem ich nicht esse. Früher dachte ich „cool, dann brauche ich es wohl nicht“ – das ist falsch! Das bedeutet ich achte nicht genug auf mich und meine Bedürfnisse! Was bedeutet das also im Klartext? Je mehr Stress wir haben, desto öfter sollten wir kurz innerlich stehen bleiben, tief ein- und ausatmen (vielleicht die Atemübung machen) und genau hinsehen. Ein kleiner Tipp noch – wenn ihr ein Bedürfnis habt – schiebt es nicht auf! Wenn von euch erwartet wird, dass ihr arbeitet und eure Bedürfnisse ignoriert, dann ist das die falsche Arbeitsstelle!

Im Jetzt leben

Und nun zur letzten Stufe, die ich heute erwähnen will – im Jetzt leben. Klar, wir können alle nur jetzt leben und nicht schon morgen, doch wirklich aktiv anwesend im Heute sind wir nicht. Wir machen uns Termine für die Zukunft aus, planen schon Gespräche die noch nicht stattgefunden haben, überlegen was wir morgen anziehen oder kochen sollen, etc. Doch all das bringt uns vom Jetzt in die Zukunft. Das heißt nicht, dass wir uns die Gedanken nicht machen sollen! Doch wir sollten nochmal nachsehen – ist es gerade wichtig und dringend? Ist es notwendig sich morgens schon zu überlegen, wie das Gespräch mit dem Partner/der Partnerin am Abend ablaufen soll? Wir wissen morgens noch nicht, was tagsüber los sein wird oder in welcher Laune unser Gegenüber nach Hause kommt. Daher ist es nicht zielführend uns Formulierungen zurecht zu legen. Diese kommen nämlich nicht aus der Mitte, sondern aus der Angst.

Das alles greift ineinander wie Zahnräder. Wenn wir mehr auf uns und unseren Körper achten, dann haben wir die Möglichkeit öfter in unsere Mitte zu kommen. Aus unserer Mitte treffen wir dann Entscheidungen die sich richtig anfühlen. Wir können unseren Teil der Verantwortung übernehmen und erkennen, wenn uns jemand anderer seinen Teil aufdrücken oder unseren Teil abnehmen will. All diese Dinge beginnen jedoch mit dem ersten Schritt – deiner Entscheidung. Deiner Entscheidung, dass du so nicht mehr weiter machen willst.