Vielleicht ist es dem einen oder anderen schon aufgefallen. Wenn wir Angst haben, dann handeln wir nicht liebevoll. Dabei ist es irrelevant ob diese Angst sich auf Gegenstände, uns selbst, andere Erwachsene, unsere Kinder oder Tiere bezieht. Sobald wir Angst haben, kommen Verhaltensmuster in uns hoch, welche einfach automatisch abgespielt werden. Da ist kein Raum für „was würde die liebevollste Version von mir tun?“ Man reagiert einfach nur mehr.

Doch wie kann man das eigentlich unterscheiden? Ich nehme als Beispiel nun den Umgang mit Kindern. Man kann jedoch jede Situation auf die selbe Art beleuchten. Ich gebe hier nur exemplarische Beispiele und das muss auch nicht für jeden klappen. Jede Familie hat ihren eigenen Weg um Themen zu lösen und was bei uns klappt, kann für euch ganz falsch sein. Diese Beispiele sind einfach eine Einladung hinzusehen und zu hinterfragen aus welchen Motiven man handelt.

Zähneputzen

Zähneputzen ist wichtig – absolut! Auch ich mache mir Gedanken darum, was für Auswirkungen es haben kann, wenn mein Kind sich dem Zähneputzen verweigert. Ich sage oft mehrmals am Tag „Komm, lass uns Zähneputzen, das ist mir wirklich wichtig.“ Kassiere ich ein „Nein“, muss ich an manchen Tagen immer noch mit mir und meiner Angst kämpfen. Doch es ist sein Körper und ich habe nicht das Recht ihn zu zwingen. Dann probiere ich es eben später wieder oder ich versuche einen Kompromiss zu schließen. Das ist meine liebevolle Variante. Momentan haben wir eine blinkende Zahnbürste mit der sogar freiwillig geputzt wird.

Essen

Dieses Thema löst bei ganz vielen Eltern eine Bandbreite von negativen Gefühlen aus. Da ist Angst, Wut, Trauer, Verzweiflung, Frust und all das bei so einem unfassbar wichtigen Thema wie Essen. Der Übersicht halber werde ich dieses riesige Thema ein wenig kategorisieren.

Verschwendung

Das Kind isst nicht auf oder wirft mit Essen. In mir hallt dann immer ein „das macht man nicht“, „mit Essen spielt man nicht“, „andere Kinder müssen hungern“ und so weiter nach. Alles Sätze die auch ich schon gehört habe und die nun unter der Oberfläche brodeln. Hinzu kommt der Mehraufwand des Putzens, wenn das Kind das Essen auch noch wirft oder „nicht ordentlich“ isst.

Essen werfen

Meine liebevolle Variante ist hier immer anders. Die „ich werfe das Essen“-Phase ist zum Glück vorbei und mittlerweile fliegt der Teller oder das Besteck nur mehr, wenn ich absolut nicht verstehe, dass unser Kleiner fertig ist. Das ist Ungeduld, kein Spielen und daher für mich leichter zu handhaben. Muss ich eben nächstes Mal ein wenig aufmerksamer sein und dieses Mal alles aufheben. Ich sage jedoch explizit, dass ich es doof finde, wenn Essen oder Sachen durch die Gegend fliegen. Damit weiß mein Kind „Mama findet das doof“ und kann sich eine andere Strategie überlegen um meine Aufmerksamkeit zu bekommen.

Nicht aufessen

Ich weiß nicht wie es in eurer Kindheit war, aber ich wurde dazu angehalten aufzuessen. „Was man sich nimmt, das muss man auch essen“ war einer der Sätze die bei mir hängen geblieben sind. Ich hatte ganz lange keinerlei Sättigungsgefühl und musste es mir erst langsam wieder erarbeiten. Auch heute fällt es mir sehr schwer mit dem Essen aufzuhören, wenn ich satt bin. Das ist einer der Gründe, warum ich – trotz meiner Konditionierung – mein Kind niemals zum Essen gezwungen habe. Das Problem bei dem nicht aufessen ist – wir wissen nicht, ob das Kind satt ist oder nicht. Vielleicht ist es noch nicht hungrig oder kann gerade nur eine kleinere Portion als sonst essen. Es ist nicht unser Körper und darum können wir hierzu auch nur Vermutungen anstellen.

Vorlieben/Abneigungen

Mein Kind isst nur mehr XY

Es gibt Phasen in denen unsere Kinder tagein und tagaus immer nur das selbe wollen. Egal was wir kochen und anbieten, wir kassieren ein „Nein“. Das kann mega frustrierend sein, vor allem wenn man sich beim Kochen wirklich bemüht. Hier ist es hilfreich zu wissen – unsere Kinder spüren ganz genau was sie brauchen. Will das Kind also gerade nur Nudeln mit Paradeissauce – dann kriegt es das eben. Diese Phase geht normalerweise genauso schnell vorbei wie sie gekommen ist. Ich biete natürlich das an, was wir auch essen, doch wenn unser Kleiner nicht will, kriegt er eben etwas anderes. Dafür muss man sich nicht stundenlang hinstellen und kochen, man kann ja auch einfachere Dinge anbieten. Butterbrot, Brot mit Wurst, Gemüsesticks, Obst, Knäckebrot, etc. Was das Kind eben gerne isst und zu Hause ist.

Mein Kind isst kein Gemüse/Obst

Ich hatte dieses Problem ehrlich gesagt nie mit unserem Kleinen, daher kann ich hier nicht aus Erfahrung sprechen. In erster Linie würde ich hier hinterfragen – isst mein Kind wirklich gar kein Obst und/oder Gemüse oder ist das eine Phase? Wenn mein Kind wirklich gar kein Obst/Gemüse isst, würde ich wieder bei mir ansetzen. Esse ich denn Obst/Gemüse? Viele Dinge machen wir unbewusst und wollen von unserem Kind dann ein ganz anderes Verhalten sehen. Wenn ich selbst jedoch kein Obst/Gemüse esse, sollte ich es nicht von anderen erwarten – auch nicht von meinem Kind. Wenn ich selbst Gemüse/Obst esse, dann würde ich eine Zeit lang alles durchprobieren. Ist es nur eine Phase, dann heißt es einfach – durchhalten! Unser Kleiner zum Beispiel mag überhaupt keinen Spinat. Wir haben es in allen Varianten probiert. Mit Nudeln, im Auflauf, püriert, in Stücken. Egal wie – Spinat wird beinhart aussortiert. Das ist für mich okay, denn ich mag auch nicht jedes Gemüse.

Mein Kind will Süßes

Das ist ein weiteres sehr heikles Thema. Manche Eltern haben kein Problem mit Süßigkeiten, andere finden diese furchtbar. Bei uns gab es im ersten Jahr keinen Zucker, doch seitdem kann unser Kleiner jederzeit haben was er möchte. Wenn die Wahl besteht zwischen Apfel oder Süßigkeiten, nimmt er zu 90% den Apfel. Damit bin ich vollauf zufrieden. Auch wir essen zwischendurch Süßigkeiten, daher werde ich sie meinem Kind nicht verbieten. Meine Schokolade heimlich zu essen und meinem Kind zu verbieten fände ich nicht richtig. Auch hier habe ich Vertrauen in die Fähigkeiten meines Kindes. Er kann selbst abschätzen ob er gerade Süßes will oder lieber etwas anderes und verlangt nicht ständig danach. Hat man Süßigkeiten eine Zeit lang verboten, dann gestaltet sich die Sache etwas anders, denn dann ist der Reiz des Neuen bzw. Verbotenen da und das muss sich erst einmal einpendeln. Dann kann durchaus eine Phase von „ich will nur Süßes“ kommen. Doch im Normalfall hält diese Phase nicht lange, denn unser Körper ist nicht dafür gemacht zu viele Süßigkeiten zu sich zu nehmen.

Kosten muss man

Ein weiteres schwieriges Thema beim Essen – Kosten. „Man muss wenigstens kosten.“ Diesen Satz kann ich für mich so nicht unterschreiben. Wenn ich Käse rieche und den Geruch schon abstoßend finde, dann muss ich nicht kosten um zu wissen, dass es mir nicht schmecken wird. Genauso geht es mir mit Essen, das nicht gut aussieht. Habe ich von vornherein eine Abneigung dagegen, werde ich es nicht kosten – egal was man mir sagt. Auch hier tendiere ich wieder dazu meinem Körper bzw. dem meines Kindes zu vertrauen. Finden wir etwas abstoßend, dann muss es nicht gekostet werden. Meist ist das der erste Schutzversuch unseres Körpers.

Windel wechseln

Lustigerweise war genau das gerade Thema bei uns. Unser Kleiner hat Fieber und ist abends total müde. Vor dem Schlafen gehen sollte er aber durchaus eine frische Windel bekommen. Ich bekam aber ein vehementes „Nein“ entgegen geschmettert. Ganz egal wie ich es versucht habe – alles doof. Als Erwachsener ist es jedoch meine Verantwortung für eine frische Windel zu sorgen und auch das „Nein“ zu akzeptieren. Hier ist unser Weg immer ganz anders – je nach Situation, darum schreibe ich einfach nur das was ich eben gemacht habe. Ich habe ihn spielerisch gefangen und geknuddelt, ihm die Füße ein wenig massiert, um die Windel herum gewischt und gewartet bis ich die Windel aufmachen durfte. Zwischendurch habe ich gefragt welche Stoffwindel er anziehen möchte (durchaus auch mehrmals). Das alles hat ihn entspannt, weil ich sein „Nein“ immer akzeptiert habe. Nach ein paar Minuten konnte ich ihm die Windel ohne Probleme wechseln und er hat dabei gekichert.

Baden

Körperhygiene ist absolut wichtig und notwendig. Doch wenn das Kind (gerade) nicht baden will, dann ist das eben so. Auch hier gibt es wieder unzählige Möglichkeiten. Das Baden kann verschoben werden, man kann gemeinsam baden oder einfach ein wenig Katzenwäsche mit Waschlappen betreiben. Eventuell reicht auch ein Spielzeug um das Bad interessanter zu machen oder man wartet einfach ein wenig ab und badet später.

Anziehen

An sich lässt unser Kleiner sich recht einfach anziehen, doch manchmal hat er ganz genaue Vorstellungen davon was er anziehen will. Momentan dürfen es absolut nur langärmlige T-Shirts sein. Am liebsten mit Pikachu oder Mario darauf. Doch auch welche Jacke er anziehen will, weiß er genau – leider die Jacke für den Herbst. Letztens hat es noch mit dem Fußsack geklappt und ihm war trotzdem warm. Nun werde ich die dünnere Jacke wegräumen und bei einem „Nein“ beginnen zu verhandeln. Die dünne Jacke steht für mich nicht mehr zur Diskussion, also muss ich Alternativen anbieten. Die Winterjacke, der Overall, mehrere Schichten – je nach Situation wird es eben etwas anderes. Vielleicht lasse ich ihn die Jacke auch anziehen und biete ihm unterwegs immer wieder die dickere Jacke an, wenn ihm kalt ist. Auch das ist eine Option seinen Wunsch zu respektieren und trotzdem meine Verantwortung als Erwachsene zu übernehmen.

Fazit

Oft ist das „Nein“ unserer Kinder einfach ein „Jetzt nicht“. Das ist okay, denn auch wir Erwachsenen wollen nicht immer jetzt sofort sondern vielleicht später. So wie bei uns das „Nein“ akzeptiert wird, sollten wir auch das „Nein“ unserer Kinder akzeptieren. Auch Angst darf kein Grund sein uns über die Grenzen und Rechte unserer Kinder hinwegzusetzen. Oft ist es schwer die alten Muster zu durchbrechen oder überhaupt zu sehen, doch die Beziehung zu unseren Kindern wird sich um ein Vielfaches verbessern, wenn wir lernen hinzusehen und unsere Motive zu hinterfragen. Ich frage mich bei allem was ich tue „Mache ich das aus Angst oder Liebe?“ bzw. auch „Was würde ich wollen?“ Hilft das nicht fühle ich in mich hinein. Wie fühlt sich die Handlung an? All diese Bereiche können mit Angst behaftet sein, doch es können ganz unterschiedliche Ängste sein. Die Angst vor Bewertung von außen. Die Angst dem Kind zu schaden wenn man nicht eingreift bzw. seiner Verantwortung nicht gerecht zu werden. Dass das Kind etwas nicht lernt bzw. sich immer so verhalten wird. Das sind nur einige der Ängste, die hochkommen können. Meine Sicht zur Unantastbarkeit der Kinderwürde hatte ich ja bereits hier einmal beschrieben.