Mein liebes Kind,

Heute war ein schwerer Tag. Irgendwie hat es schon doof begonnen. Du fühlst dich nicht gut und bist ein wenig schlecht gelaunt. Auch ich bin noch nicht wieder ganz fit und merke, dass meine Laune heute auch nicht so besonders ist.

Du willst heute viel Nähe und ich brauche Ruhe. Zwei ganz konträre Bedürfnisse. Irgendwie schaffen wir den Vormittag. Gemeinsam. Mit vielen Kompromissen, einigen genervten Seufzern und irgendwann (endlich) mit einer Tasse Kaffee. Meine Meditation hilft mir dabei ruhig zu bleiben und dich zu sehen. Anzunehmen was ist und liebevoll zu bleiben, aber es ist schwer an Tagen wie heute. Für uns beide.

Irgendwann siehst du wie in deiner Lieblingsserie gebacken wird und du willst jetzt auch. Zum Glück hatten wir noch alles hier und schon etwas vorbereitet. Gemeinsam machen wir Kekse und deine Laune steigt. Ich verzichte aufs wegräumen, denn ich muss ja die Kekse aus dem Ofen holen. Du freust dich und isst auch direkt einen. Nun kann ich ein paar Minuten durchatmen.

Jetzt wird in deiner Lieblingsserie eine Blume gegossen. Voller Tatendrang läufst du in die Küche und befüllst deine Gießkanne. Eigentlich hatte ich mich gerade erst hingesetzt. Ich seufzte erneut, stehe auf und helfe dir. Langsam tut mein Rücken wieder weh, der Bauch ist schon recht schwer. Doch das ist nicht dein Problem, du kannst nichts dafür. Also stehe ich immer wieder für dich auf um dir den Tag ein wenig zu erleichtern und zu verschönern. Ich weiß ja wie es ist, wenn man nicht ganz gesund ist.

Irgendwann brauche ich aber eine Pause. Ich sitze und esse endlich meinen Muffin in Ruhe auf. Es ist ruhig und ich spüre – ich sollte nachsehen gehen. Doch ich genieße diesen Moment. Kurz eine Pause. Dann stehe ich auf und schaue nach was du machst. Das volle Sackerl Mehl liegt neben dir – nun leer – und alles ist weiß. Deine Kleidung, der Tisch, der Boden, deine Werkbank und der Teppich auch. Ich atme tief ein und aus und dann muss ich lachen. Auch dein Gesicht ist voller Mehl, aber du strahlst. Heute zum ersten Mal. Das war es wert.

Ich mache ein paar Fotos und ein Video davon wie du dich selbstvergessen um dich selbst drehst und dich am Mehl erfreust. Nun bemerkst du mich und siehst mich groß an – ist Mama jetzt böse? Ich lächle dich einfach an, hole den Staubsauger und sauge das gröbste weg. Dann ziehe ich dich aus, sauge weiter und schmeiße die Waschmaschine an. Dann gehen wir dich anziehen und du beginnst zu weinen. Du bist müde und willst trotzdem nicht schlafen. Ich bleibe bei dir, begleite dich und spende dir Trost oder höre einfach zu. Ich gebe dir Worte für deine Gefühle und lasse dich deinen Weg finden – in Ruhe. Du beruhigt dich nur langsam und dann brauchst du Nähe. Ich halte dich, bis du eingeschlafen bist.

Jetzt liegst du neben mir und schläfst tief und fest. Ich hoffe, dass du schöne Träume hast und dich ein wenig erholen kannst. Damit mein Sonnenschein wieder strahlen kann. Draußen wartet so viel Arbeit auf mich, aber ich bleibe bei dir. Ich genieße deine Nähe und die Ruhe.

Im Alltag mit dir stellst du mich so oft vor die Wahl. Liebe oder Angst? Jeden Tag aufs Neue fragst du mich mit deinen Taten wofür ich mich entscheide. An manchen Tagen gelingt es mir wie heute gut und ich wähle die Liebe. An manchen Tagen jedoch gewinnt noch immer die Angst. Doch ich bemühe mich. Für dich – für uns. Weil ich dich über alles liebe mein Kind.